Lovis Corinth (1858 — 1925): Christus am Kreuz

Blatt 5 der Folge: Biblische Szenen (5 Holzschnitte), 1919

Holzschnitt auf Japanpapier, 36 x 30 cm, Signiert

 

Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn! Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Johannes 19, 26-27.

 

Corinth hat über 1200 Druckgraphiken geschaffen, davon nur 12 Holzschnitte in den Jahren 1919 bis 1924, von denen er die Folge »Biblische Szenen« als Hauptwerk bezeichnete. Sein malerischer Stil war bis zuletzt impressionistisch; dem entspricht die lockere graphische Struktur der von ihm bevorzugten Radierung. Expressionistisch war allenfalls seine Art, die Szenen heftig zu dramatisieren. Das gilt auch für den Holzschnitt des Christus am Kreuz mit Maria und Johannes. Vielleicht regten ihn die Dresdener Expressionisten der Künstlergruppe »Brücke« dazu an, es mit der Holzschnitttechnik zu versuchen. Doch nicht ausdrucksstarke klotzige Detailformen geben der Darstellung ihre intensive Aussagekraft, sondern die Inszenierung der Gruppe des Gekreuzigten mit der trauernden alten Mutter und dem verzweifelt aufblickenden Jünger Johannes. Die Vergegenwärtigung des menschlichen Vorgangs geschieht vor allem in der psychologischen Erfassung der sprechenden Gesichter, nicht in eigenständigen Ausdrucksformen.

 

 

Edouard Manet (1852 — 1883): Leib Christi mit zwei Engeln

1866/67

Radierung mit Aquatinta, (IV. Zustand), 32,5 x 28 cm

 

Maria (Magdalena) aber stand vor dem Grabe und weinte draußen. Als sie nun weinte, guckte sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Kleidern sitzen, einen zu den Häupten und einen zu den Füßen, da sie den Leichnam Jesu hin gelegt hatten. Johannes 20, 11—12.

 

Im November 1863 schrieb Manet an einen Freund, er sei dabei, einen toten Christus mit Engeln zu malen, eine Variante der Szene der Magdalena am Grabe nach dem Johannes-Evangelium. Das Gemälde (heute New York, Metropolitan-Museum) war im Pariser Salon 1864 ausgestellt und trägt an dem Stein im Vordergrund die Inschrift: »evang. 5. Jean XX, 12«. Die von Manet angekündigte »Variante« besteht darin, dass der Maler entgegen der Bibelstelle nicht das leere Grab gezeigt hat, sondern den Leichnam Christi mit zwei Engeln, wie er seit dem Mittelalter als Verbildlichung der Eucharistie, des Sakraments des Abendmahls oft dargestellt wurde. Die direkte bildliche Anregung für Manet, auch mit der starken Verkürzung des Korpus Christi in Untersicht, kam sicher von Andrea Mantegna (1431—1506), insbesondere von seinen entsprechenden Beweinungsbildern in Mailand und Kopenhagen.

Die Kritiker beanstandeten an Manets Bild den starken Realismus, die mangelnde Sakralität. Sein Freund Beaudelaire kritisierte, dass er die Seitenwunde auf der falschen Seite angebracht hätte.

Mag sein, dass die Radierung, die Manet etwa zwei Jahre nach dem Gemälde anfertigte, durch die Umsetzung in schwarzweiße Graphik mehr »vergeistigt» wurde. Es bleibt eine eigenartige Widersprüchlichkeit zwischen dem Naturalismus der Szene, der fehlenden Bibeltreue und der traditionellen sakralen Ikonografie.

Zur gleichen Zeit schockierte Manet das seriöse Publikum mit seinem Frühstück im Gras«, zwei Herren im Anzug mit einer nackten Dame beim Picknick und mit der »Olympia«, einer hinreißend schönen Halbweltdame, nur mit goldenen Schuhen und Armband bekleidet.

 

 

Odilon Redon (1840 — 1916): Christ

1887

Lithographie, 33,2 x 27,2 cm

 

 

 

 

 

Redon gehört mit Paul Gauguin, Vincent van Gogh und James Ensor zu der Generation von Malern, die den Impressionismus ablösten und zu einer neuen ausdrucksreichen Malerei kamen. Wenn die Impressionisten das Bild auf den reinen Augeneindruck beschränken wollten, so war jetzt das Anliegen, Geistiges, Gefühltes und Gedachtes wieder im Bilde deutlich werden zu lassen. So wurden diese Künstler zu Vorläufern der Fauves, der Expressionisten und der Surrealisten des 20. Jahrhunderts.

Odilion Redon speziell gehörte zu denen, die im Traumhaften wie später die Surrealisten das Seelische erkannten, das hinter der äußeren Realität das wesentliche Leben ausmacht. Er hat phantastische Bilder erfunden, die in einer unwirklichen Traumwelt mit lyrischen Klängen den Betrachter beseelen.

Sein »Christ« ist der Versuch, das Wesen Christi im Bilde deutlich zu machen. Sein Wesen wird in seiner Geistigkeit, seiner Sendung, seiner Göttlichkeit gesehen. Und diese spricht aus den übergroßen Augen, durch die offenbar wird, dass dieser Menschensohn wesentlich Geist ist. Der Mund spricht nur ganz leise. Die aufwärts gewandten Augen drücken auch Leiden aus und Gottergebenheit. Die Strahlen aus dem Haar mag man als Nimbus (Heiligenschein) oder Dornenkrone lesen. Die Hauptsache sind aber die großen Augen. So ist hier eine der wichtigsten Möglichkeiten der Moderne, Religiöses darzustellen, vorgezeichnet. Das Geistige, das Übernatürliche wird durch Übertreibung und Übersteigerung bestimmter Elemente der sichtbaren Realität zum Ausdruck gebracht.

 

 

Franz Marc (1880 — 1916): Schöpfungsgeschichte II

1914

Farbholzschnitt, 28,3 x 20 cm

 

 

Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag. Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Tiere, ein jegliches nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere auf Erden, ein jegliches nach seinerArt. Und es geschah also. Und Gott machte die Tiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art, und allerlei Gewürm auf Erden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Mose 1,23-25.

 

Franz Marc studierte vor dem ersten Weltkrieg in München, machte verschiedene Reisen, u. a. nach Italien, Paris und Griechenland. Mit Kandinsky, Macke und Anderen gründete er die Gruppe »Blauer Reiter«.

Um 1914 beteiligte er sich an einem (nicht vollendeten) Projekt zur Illustration der Bibel mit moderner Graphik. Er wählte als sein Thema die Schöpfung und schuf vier Holzschnitte: »Die Geburt der Pferde«, »Die Geburt der Wölfe« und »Schöpfungsgeschichte I und II«. Alle vier Blätter befassen sich mit dem fünften Schöpfungstag, der Erschaffung der Landtiere.

In Marcs Gesamtwerk waren die Tiere sein Hauptthema. In der Tierwelt glaubte er eine Welt der Reinheit und Unschuld zu sehen, die für die Menschen Wunschbild und Hoffnungsträger sein könnte. Angeregt von Kandinsky wandte er sich auch der Abstraktion in der Malerei zu, in der ebenfalls Reinheit über den Niederungen des Realen verbildlicht wurde. In seiner Kunst begann Franz Marc diese beiden Tendenzen zu verschmelzen, indem er seine Tierbilder immer weiter stilisierte und in abstrakte Strukturen einband. In den Blättern der »Schöpfungsgeschichte« läßt er gleichsam umgekehrt die Tiere sich aus dem Ungeformten, dem Abstrakten entfalten. Dieser Ambivalenz im Künstlerischen entspricht eine Ambivalenz in seiner realen Welt. Der Krieg mit der unmittelbaren Todeserfahrung weckt Gedanken an das Gegenteil, die Entstehung des Lebens. Das Ende lässt auf den Anfang blicken. Das Bewußtsein des »ewigen Stirb und Werde« (Goethe) bestimmt die Existenz vieler junger Leute, die in den Krieg ziehen. Franz Marc, dessen Freund August Macke schon 1914 gefallen war, hat sich auch in seinen Skizzen in Felde immer wieder mit dem Thema der Schöpfung befasst. Er fiel 1916.

 

 

Lesser Ury (1861— 1931): Gläubig aufblickender Mann

um 1890

Gewischte Kohlezeichnung, 48,2 x 31,5 cm, Signiert

 

Dieses Studienblatt eines Aufblickenden ist sozusagen »Lesser Ury vor Lesser Ury«. Der Künstler ist bekannt als der Maler impressionistischer Straßenbilder von Berlin. Schon 1884/86 hatte er freundschaftlichen Kontakt zu Fritz von Uhde und Max Liebermann, der sich allerdings später mit ihm entzweite. Bis zu seinem Tode malte er seine Berliner Stadtbilder, in denen er die Atmosphäre der Großstadt jener Jahre einzigartig einfing. 1890 bekam Ury ein einjähriges Stipendium für Italien. Nach seiner Rückkehr malte er ein fast drei Meter hohes Bild des Propheten Jeremias, das eine vernichtende Kritik erfuhr. Das Studienblatt muß etwa aus dieser Zeit stammen und ebenfalls zu einem religiösen Bild gehören. Ein aufblickender bärtiger Mann ist an sich noch kein religiöses Motiv. Seit der Barockmalerei erkennen wir darin aber immer den Typus eines Heiligen oder Frommen, der sich dem Himmel zuwendet.